November

Die warmen Tage sind vorbei, der Herbst raubt den Bäumen das Laub. Wind und Regen gehören jetzt fast zum täglichen Einerlei. Die kurzen Tage sind für den Schäfer eine ziemliche Herausforderung, denn es bleibt weniger Zeit zum Hüten und die Tiere sollen nicht hungrig bleiben, wenn sie am Spätnachmittag bei Einbruch der Dunkelheit in den Pferch gesperrt werden.

Mein Tag beginnt an diesem herbstlichen Sonnabend mit dem Abbauen der Netze. Es regnet meist so sachte vor sich hin. Das Regencape erweist sich bei dieser Arbeit als ein wenig hinderlich, ist aber von Nöten. Ich denke kurz an meine Kollegen, die heute im Büro Überstunden machen. Sie sitzen warm und trocken, aber tauschen? Nein, tauschen will ich nicht. Und kalt ist mir auch nicht. Das bisschen Regen ist auch nicht dramatisch, so lange kein kalter Wind dazu kommt.


Als es Zeit ist mit der Herde zur nächsten Weide zu ziehen, hat es aufgehört zu regnen. Mehr als fünf Kilometer liegen vor uns. Die Strecke verläuft zu einem großen Teil über Straßen. Voran der Schäfer mit Hund, hinter den Schafen sein Sohn und ich als Treiber  und hinter uns seine Frau, die das Auto mit dem Viehanhänger fährt. Den Verkehr legen wir an diesem Vormittag lahm, aber wie immer zur Freude der meisten Autofahrer, für die so eine Begegnung mit den vielen Schafen eine tolle Sensation ist. Drei Brücken sind zu überqueren, wir bewältigen sie ohne Vorkommnisse, bevor wir am alten Flughafen die Straße verlassen und schon bald unser Ziel erreichen.

Die Wiese hat noch einiges an Gras, und die Schafe beginnen sofort mit der Mahlzeit. Schäfer und Helfer verabschieden sich von mir. Die nächsten zwei Stunden bin ich allein für die Mähdels und ihre Galane, die sich seit heute zur Herde gesellen, verantwortlich. Nero, der große Hütehund mit dem niedlichen Bärchengesicht wird mich unterstützen und die rückwärtige Seite, die an einen Acker mit zart sprießendem Wintergetreide grenzt, wehren. Hier auf der freien Fläche geht der Wind, es wird kalt, nicht lausig kalt, aber angenehm ist es nicht. Habe ich den ganzen Tag noch nicht gefroren, bekomme ich jetzt beim Hüten kalte Füße.

Bewegung wär gut, aber viel Hin- und Herlaufen irritiert die Schafe und lenkt sie vom ruhigen Fressen ab, also suche ich Schutz auf der Lee-Seite des Viehhängers. Der Wind ist nicht das schlimmste, die kalten Füße sind doof und die Tatsache, dass ich mal in die Hecke müßte, aber die Herde nicht aus den Augen und mit dem Hund allein lassen möchte. Ich versuche mich abzulenken, konzentriere mich auf die Tiere, die gemütlich vor sich hin fressen und auch überhaupt kein Interesse am Getreide zeigen. Ein schönes Bild, trotz der Jahreszeit mit dem tristen Wetter. Die Situation lässt mich alles andere vergessen. Die Schafe, der Hund und ich sind gerade außerhalb des normalen Wahnsinns dieser Welt. So lange, bis die Schäferin zurückkommt mit heißem Kaffee und einer Brotzeit im Gepäck. Ein paar Minuten im Schäfermobil genieße ich ein Käsebrot, den Kaffee und die Wärme des Autos. Danach beginnen wir die Netze für den Nachtpferch zu stecken, brechen aber zwischendrin ab, um mit den Schafen auf die benachbarte Fläche zu ziehen. Bevor wir los können, versorgen wir ein frisch geborenes Lamm und seine Mutter.

In dieser Gegend zwischen dem ehemaligen Gelände einer Bundesgartenschau und einem Wohngebiet sind um diese Zeit viele Gassigeher unterwegs und als wir die Fläche wechseln, fährt tatsächlich so ein unangeleinter Hund in die Herde. Ich traue meinen Augen kaum und rufe zu den am Weg stehenden Leuten, sie mögen ihren Hund anleinen. Es passiert erstmal nichts, außer dass der Hund weiterhin Spaß hat, die Schafe zu jagen, während sein hilfloses Herrchen sich als unfähig erweist, diese Töle zurückzupfeifen. Erst als Frau Schäferin ihren Hund schickt, kneift der Fremde und sucht Schutz bei seinem Menschen. Dieser zieht sich aus dem Geschehen zurück und tut so als sei gar nichts los gewesen. Naja, die Herde ist erst einmal geteilt und in Aufregung. Wenigstens hat der Hund nicht gebissen, das ist schon mal das Gute am Schlechten. Keine fünf Minuten später ist aus den zwei Partien aber wieder eine Herde geworden und frisst mit vereinten Kräften die frische Wiese unter sich kurz.

An diesem Nachmittag lammen noch zwei weitere Schafe, und die Herde ist um drei Tiere größer. Zum Einbruch der frühen Dunkelheit wandern wir mit den Schafen zurück, stecken die Zäune zum Nachtpferch und sperren die Herde dort mit dem letzten Tageslicht ein. Nun geht es zum Stall, in dem die Mutterschafe mit den Lämmern untergebracht sind. In den letzten vier Wochen sind die Lämmer nur so gepurzelt. Kein Tag verging ohne eine Lammung. Für den Schäfer und seine Familie bedeuten die kurzen Tage bei der Herde nicht, dass sie früher nach Hause können, denn nun müssen die Tiere im Stall am Morgen und Abend noch versorgt werden.

Am nächsten Tag wandert die Herde weiter. Während der Nachtpferch abgebaut wird, machen sich die Mähdels bereit für die nächste Etappe und nehmen auf dem nächsten Stück Weide ein kleines Frühstück. Das Wetter ist heute freundlicher, der kalte Wind weht nicht mehr und so sind nicht nur wir auf den Beinen, sondern allerlei Volk, das sich zu einem Sonntagsausflug aus den Stuben begeben hat. Unser Weg geht am Riemer See vorbei Richtung Salmdorf und es ist auch heute klar, dass die Schafherde für die Spaziergänger die Attraktion der Woche ist. Kaum einer, der nicht ein Smartphone oder eine Kamera in der Hand hat, um das Ereignis Wanderschäferei festzuhalten. Es ist wie immer: Die Leute freuen sich für den unerwarteten Anblick.

DSC00509.JPGWir überqueren auf dem letzten Stück ein Stoppelfeld, wo vor kurzem noch Mais stand. Auf der Erde liegen vereinzelt Kolben, echte Leckerbissen, auf die sich die Schafe mit sichtlichem Appetit stürzen. Zu viel dürfen sie nicht davon zu sich nehmen, denn ihr Verdauungssystem, besonders der Pansen, ist empfindlich und muss langsam an neues Futter gewöhnt werden, um keine Krankheiten zu provozieren. Der Schäfer schickt am Ende seinen Hund, damit sich auch die letzten Zuckerschnuten wieder an die Herde anschließen.

Kurze Zeit später erreichen wir unser Ziel in Salmdorf. Auf etlichen Hektar wächst die Zwischenfrucht Phacelia. So weit das Auge reicht, Phacelia. Während wir die Koppeln für die kommenden Tage stecken, beginnen die Mähdels den ersten Acker kurz und klein zu fressen. Wenn das Wetter wie versprochen hält und es keinen Regen gibt, werden die Flächen für zwei Wochen Futter liefern.

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