Schafe in der Stadt

Im Münchener Nordosten ist eine Wanderschäferei beheimatet, deren Herde durch die am Stadtrand gelegenen Ortsteile auf Straßen zieht, die üblicherweise dem motorisierten Verkehr vorbehalten sind. Doch wenn der Schäfer kommt, stehen alle Fahrzeuge – große und kleine Autos, Laster, Motor- und Fahrräder, ja sogar die Busse des Nahverkehrs – still, bis die Herde unzähliger Schafe an ihnen vorbeigezogen ist und die Fahrbahnen wieder frei gibt. Die meisten Menschen in den Fahrzeugen nehmen diese Zwangspause gelassen hin, zücken ihre Smartphones zum Telefonieren oder, häufiger noch, zum Fotografieren. Es ist gut zu beobachten, wie der Anblick der Schafe ein Lächeln auf die Gesichter zaubert. Nicht nur Kinderaugen, die so viele Schafe auf eins noch nie gesehen haben, glänzen vor Freude.

Aus den Häusern kommen die Leute an die Gartenzäune oder stehen an den Fenstern und schauen dem unerwarteten Spektakel zu. Einige scheinen besorgt, die Tiere könnten die Vorgärten ruinieren, doch die meisten sind sichtlich erfreut über den Anblick und kommen mit ihren Nachbarn ins Gespräch. Wie viele von ihnen sehen so einen Zug wohl zum ersten Mal? Wie viele können sich an Zeiten erinnern, in denen Nutztiere zum alltäglichen Anblick dieser Gegend gehörten? Die ungezählten Schafe, Lämmer und Ziegen, der Schäfer mit seinem Hund an der Spitze und zwei Helfern am Ende, die die Herde treiben und beaufsichtigen, ziehen die Menschen an. Auch wenn sie nach einiger Zeit wieder umkehren, laufen Kinder dem Zug wolliger Vierbeiner wie dem Rattenfänger hinterher.

Hat der Schäfer sein Ziel, in der Regel eine Hutung, wo seine Tiere sich satt fressen können, erreicht, zieht auch diese Situation die Vorbeikommenden an.

Aus anhaltenden Autos steigen die Insassen, Radfahrer und Fußgänger halten an, schauen den Tieren zu, machen Fotos und alle haben dieses leicht entrückte, glückliche Lächeln im Gesicht. Sie scheinen dankbar zu sein für die überraschende Begegnung, die ihnen ein wenig Abwechselung im Alltag beschert.

Anders als in stark ländlich geprägten Gegenden mag das Motto der Schäfer „Wir pflegen die Landschaft, die Sie lieben“  an der Peripherie der Großstadt nicht diese Gültigkeit zu haben, trotzdem sorgt die vorbeiziehende Herde für Freude bei den Menschen, gibt Gelegenheit zum Innehalten und vermittelt, wenn sie im Englischen Garten anzutreffen ist, den Stadtkindern ein Stückchen mehr Natur.

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Eine Antwort zu Schafe in der Stadt

  1. Anja schreibt:

    wie schön, so nah von daheim und Schafe hüten, hoffentlich noch viele Wochenenden 🙂

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