Neues Spiel, neues Glück?

Nachdem ein Probearbeitstag auf einem Bioland-Hof im Kreis München mit heftigem Kopfschütteln über die angebotenen Bedingungen (Kost und Logis im tageslichtlosen Kellerzimmer, kein Taschengeld, Arbeiten bis zum Umfallen) beendet war und mir zuhause die Decke auf den Kopf zu fallen drohte, einige Tage bei den Kümmelbauern mit leichten Arbeiten zwar hilfreich, aber schaflos waren, erhielt ich auf meine erneute Anzeige

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ein Angebot eines Schafhofes im Westerwald. Demeter-Zertifiziert, 120 Milchschafe, eigene Futtergewinnung. Die Milch dieser Schafe wird ein bis zwei Mal die Woche zu einem Käse verarbeitet, der über eine große Bio-Molkerei in die Läden verteilt wird. Also keine Stelle, wo ich mich am Ende nur in der Käserei wiederfinden würde. Das klang am Telefon ja schon mal nicht uninteressant, wenn auch das Thema der tatsächlichen Tätigkeiten doch recht vage mit „Tagesroutinen“ bezeichnet wurde.

Nach dem Motto „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“ mache ich mich an einem heißen Mittwoch früh am Tag auf den über 500 km langen Weg, bin bester Dinge und voller Vorfreude auf die Schafe. Den Hof, abseits vom Dorf gelegen, erreiche ich über eine Allee, gesäumt von gezäunten weitläufigen Weideflächen, auf denen ich in unmittelbarer Hofnähe auch schon bald die kleine Milchschaf-Herde ausmachen kann.

Ich bin früher als verabredet dort, warte aber weniger als eine halbe Stunde, bis der Eigner dieses Anwesens eintrifft. Er kommt von einem Ausflug mit seinen Border-Collies zurück. Das Rudel besteht aus einem schon sehr betagten, freundlichem Rüden und einer jungen, quirligen Hündin mit ihren vier sechswöchigen Welpen.

Die Begrüßung ist angenehm. Ich werde durch das Wohnhaus geführt, das um 1900 erbaut wurde und sich in großen Teilen noch im ursprünglichen, sehr charmantem Zustand befindet. Ich darf eines der einfachen, aber im Gegensatz zu früheren Erfahrungen wenigstens sauberen Zimmer in der zweiten Etage wählen und trage noch schnell mein Zeug nach oben, bevor es gleich schon Zeit zum Melken ist.

Der Melkstand ist ungeputzt, aber modern. Die Schafe stehen auf Edelstahl-Lochblechen vor den Futterschalen, die sie durch das Fressgitter, mit dem sie zum Melken fixiert werden, leer futtern. Das Melkpersonal steht eine halbe Etage tiefer auf Fliesen und melkt jeweils zwölf Tiere, bevor gewechselt wird. Das Melkzeug ist schnell angesetzt. Die meisten Schafe halten willig still.

Nachdem das Melken erledigt ist, wird die Herde zurück auf die Weide getrieben und mir wird die Käserei gezeigt und erläutert.

Am nächsten Morgen wird aus der Milch der vergangenen Tage Käse erzeugt, der, nachdem die Masse in Formen geschöpft wurde, alle paar Stunden unter Einhaltung penibler Sauberkeit mittels Einmalhandschuhen gedreht wird. Meine weiteren Aufgaben an diesem Vormittag: Kontrolle und Verräumung der angelieferten Produkte, die über den hofeigenen Vertrieb an verschiedene Bioläden weitergegeben werden. Während ich damit beschäftigt bin, ist der Chef für zwei Stunden zum Schwaden gefahren, aber pünktlich zur ausgiebigen Mittagspause zurück. Wir bereiten gemeinsam eine einfache schmackhafte Mahlzeit aus Linsen und einen Apfelkompott aus den von mir frisch gepflückten und geschälten Äpfeln. Zum Kompott probiere ich den auf dem Hof hergestellten Joghurt, der brutal nach Schafstall (Hygiene?!) schmeckt und mir leider gar nicht taugt. Bis halb drei ist dann Mittagsschlaf angesagt. Ich sitze draußen und vertreibe mir die Zeit mit meinem Strickzeug, bevor es einen Kaffee gibt, für mich die Anweisung, die Schaftränken auf der Weide zu kontrollieren und der Herr des Hofes sich auf dem Traktor wieder davon macht.

Um die Wasserkübel aufzufüllen, muss der Wasserschlauch aus dem großen Schafstall gezogen werden. Der Stall ist von 1993, nicht ganz so groß wie der schöne Eichholzer Schafstall vom Wanderschäfer, und furchtbar unaufgeräumt. Alles mögliche an Gerätschaften, Hurden und Rundballen steht herum. Die zehn Lämmer, die hinter dem Zeug ihr Dasein fristen, lassen sich nur durch ziemliche Rumturnerei erreichen und das Auffüllen des Wassers gestaltet sich umständlich. Leichter ist dagegen das Reinigen und Auffüllen der Kübel auf der Weide.

Ich spiele im Anschluß ein wenig mit den kleinen Hundchen und verwöhne die Alttiere und die Katze mit reichlich Streicheleinheiten, bis der Bauer zurück ist und wir gemeinsam das Melken erledigen, was zack-zack und ohne Freundlichkeiten zu den Tieren vonstatten geht. Schafe, die sich kitzelig oder sonstwie unkooperativ zeigen, werden ziemlich rauh in ihre Schranken gewiesen. Mir gefällt diese Art nicht und ich frage mich, ob das wirklich sein muss.

Freitagmorgen wird der Käse aus der Form genommen und für den Besteller in Thekenverkaufsschalen verpackt. Ich erfahre, dass diese Kunststoffbehälter ebenso wie benötigte Eimer nicht nur im konventionellen, sondern auch im Bio-Lebensmitteleinzelhandel nicht wiederverwertet, sondern weggeworfen werden. Schnell ist das Abwiegen und Verpacken erledigt, und der Bauer verschwindet im Anschluss wieder mit dem Trecker. Mir obliegt das Reinigen der Käserei und das Wegräumen gelieferter Verpackungsbehälter, keine Beschäftigungen, die den ganzen Vormittag dauern. Der Tag setzt sich dann fort wie der vorhergehende. Mittagessen gemeinsam bereiten und einnehmen, Mittagspause, Kaffee, Tränken. Zwischen Tränken und Melken mache ich einen kleinen Spaziergang. Das Melken am frühen Abend  ist stressig, denn der Trecker ist ärgerlicherweise im Laufe des Tages kaputt gegangen und außerdem ist noch ein Lohnunternehmer für das Wochenende zu beauftragen, was mit diversen Telefonaten verbunden ist.

Irgendwann im Laufe dieser Tage erfahre ich, dass der Hof baldmöglichst abgegeben werden soll, um in den Ruhestand zu gehen. Die Arbeit sei so beschwerlich geworden und der Betriebsleiter immerhin auch schon 57 Jahre alt. Ich bin ziemlich entsetzt, dachte ich doch, als freischaffender Landwirt mit scheinbar gutem Auskommen sei das Denken über oder an den Ruhestand anders als im Büro. Ansonsten kommen irgendwie keine wirklichen Gespräche zustande – hingeworfene Gedankenfetzen oder kurze Informationen über dieses und jenes, die meine Vorstellung über Biolandwirtschaft und die von mir angenommenen hehren Absichten dahinter ziemlich auf den Kopf stellen, aber konkrete Fragen meinerseits, die sich überwiegend um die Schafhaltung drehen, werden kaum ausreichend oder oft gar nicht beantwortet. Ich bin zunehmend frustriert und frage mich, was ich hier eigentlich will.

Am Sonnabend ist der Hundezwinger zu reinigen. Während der Bauer sich an die Reparatur des hergeschleppten Treckers macht, schaufle ich die Kotwürstchen der Welpen und den verschmutzten Sand des Pinkelhaufens auf eine Schubkarre, reiße Brennnesseln aus und spritze die ganze Anlage mit Wasser sauber. Frischen Sand hole ich von einem Haufen in Stallnähe, und als der im gereinigten Zwinger ausgebracht ist, bin ich schmutzig und fertig für die Dusche. Zwischenzeitlich ist auch der Schlepper wieder einsatzbereit, aber außer Mittagessen, Pause, Tränken kontrollieren und sich mit den kleinen Hunden beschäftigen, steht bis zum Melken am Nachmittag nichts an. Wir sitzen draußen und lesen jeder für sich, zwischendurch wird mir erzählt, wie unmöglich sich Spaziergänger gelegentlich verhalten, die den über den Hof führenden Wanderweg benutzen. Ist mein Gastgeber(?)/Arbeitgeber(?) ein Choleriker? Auf jeden Fall wird er mir stündlich unsympathischer und die Vorstellung, mit diesem Menschen vier Wochen zu verbringen, reichlich unangenehm.

Das Melken an diesem Tag setzt dem ganzen eine unrühmliche Krone auf. Husch-husch soll es gehen, bitte schön. Das erste Schaf fällt vom Melkstand in die Melkergrube, weil es nicht schnell genug nach dem Melken Richtung Ausgang geht und sein Besitzer es mittels eines schubsenden Hiebes in die Seite antreibt. Als ich zwischen zwei Melkgruppen einen Haufen vom Melktisch entfernt habe, wartet der große Meister nicht, bis ich mit der Schaufel weg bin, sondern öffnet die Tür. Das erste Schaf, das mich mit der Schaufel sieht, springt panisch zur Seite und stürzt in die Grube. Ich bin bestürzt, werde aber noch angemeckert, dass der Mist ruhig auf dem Tisch liegen bleiben könne und ob ich das in dem Melkkurs bei den Kühen etwa so gelernt hätte. Unglaublich, wie blöd dieser Mann ist. Ich gebe mir alle Mühe, ruhig weiterzuarbeiten. Das dritte Schaf, das den Weg in die Grube findet, ist eines, das sich gegen das Melkgeschirr wehrt und tritt. Erst erhält es einen Hieb in die Seite. Als das nicht hilft, zieht und zerrt sein Besitzer das arme Tier voller Wut vom Stand herunter. Ich bin den Tränen nahe, wie man so mit seinen Tieren umgehen kann. Wenigstens scheinen die Tiere den Sturz unverletzt überstanden zu haben.

Was will ich auf so einem Hof? Von einem Betrieb dieses Verbandes habe ich eine hohe Ethik erwartet. Tatsächlich scheint das orange Label nur der Gewinnmaximierung zu dienen. Das einzige, was ich hier für mich persönlich mitnehmen könnte, wäre Routine in der Melkerei zu erlangen. In der Nacht entscheide ich, dass meine Erwartungen, etwas zu lernen und mein Wunsch, an und mit den Tieren zu arbeiten, hier nicht erfüllbar sind, packe am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrühe mein Zeug, hinterlasse einen handgeschriebenen Gruß und fahre nach Hause.

Die in der Überschrift gestellte Frage kann ich leider nur mit einem seufzenden „Es soll wohl nicht sein“ beantworten.

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3 Antworten zu Neues Spiel, neues Glück?

  1. Nicole schreibt:

    Wie traurig! Warum geht ein Bio-Bauer so ruppig mit seinen Tieren um? Das ist schrecklich. Ich verstehe und achte(!) deinen Entschluss, dort nicht bleiben zu wollen.

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  2. Anja schreibt:

    schade. Schade für Dich und traurig, weil so eine Erfahrung eher deprimiert. Du kannst das ja mal an den Verband kommentieren. Ich glaube nicht, daß Demeter sehr erfreut über so eine Außenwirkung ist

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