Bianca erzählt

Hallo, Mensch,

Bianca erzähltdie Herde hat mich ausgesucht, ein bisschen was von unserem Alltag zu erzählen. Ich bin das Schaf mit der Ohrmarke 09818 und gehöre zu denen, die immer vorneweg mitlaufen. Die Praktikantin nennt mich Bianca und steckt mir ab und zu mal ein Stück Brot oder Möhre oder zwei, drei Rübenschnitzel zu. Mmmh, sehr lecker und eine willkommene Abwechselung zum täglichen Grünfutter, das ich mir mit den anderen Mähdels aus der Herde auf den Magerwiesen suche. Wir verbringen einen Großteil des Tages mit der Futtersuche und dem Fressen. Dazu führt uns  unser Schäfer vormittags für ungefähr zwei Stunden und am Nachmittag für vier Stunden auf die Hutung, wo wir uns die Pansen vollschlagen. Wir schlendern über die Wiese, zupfen und rupfen Gräser und Kräuter und schlucken das Grünzeug eigentlich unzerkaut runter. Wenn’s genug ist, legen wir uns gern gemütlich hin, rülpsen das Zeug wieder hoch und beginnen in aller Ruhe mit dem Wiederkäuen. Gern naschen wir auch direkt vom Feld: Mais, Getreide, Klee und Zuckerrüben – ein Schlaraffenland, wenn die Aufpasser mal nicht bei der Sache sind. Aber das kommt leider nicht so häufig vor, am ehesten, wenn die Praktikantin Hütedienst hat. Die kann noch nicht so gut mit uns umgehen, sie übt ja auch noch.

Kaum versucht sich unsereins mal an dem leckeren verbotenen Zeugs, kommt ein mahnender Ruf vom Chef-Schäfer, dem selten etwas entgeht. Da die Ohren auf Durchzug zu stellen und so zu tun als sei nix gewesen, ist keine gute Idee, denn dann schickt er seine überaus lästigen Helfer, die Hunde. Deutsche Schäferhunde. Die haben großen Spaß daran, uns  Schafen einen Höllenschreck einzujagen. Blöde Köter! Manch einer von denen meint obendrein, seine Allmachtsphantasie mithilfe seiner Zähne ausleben zu müssen und zwickt uns fies in die Beine. Autsch! Wenn die Töle sich vergisst, fließt auch mal ein Tropfen Blut. Aber meistens kriegt sie dann auch einen ordentlichen Rüffel vom Chef. Naja, am Ende ist es aber das alte Lied: Wer nicht hören kann, muss fühlen. Das gilt auch für die aus der Reihe in die Felder tanzenden Kolleginnen.

Untereinander sind wir Schafe sehr umgänglich, pflegen unsere Gemeinschaft und die freundschaftlichen Beziehungen. Einige von uns sind mit ihren Lämmern, die alle so ungefähr im Februar geboren wurden, unterwegs. Halt, was erzähle ich da für einen Unsinn – es sind jetzt ja nur noch die Kilberlämmer dabei. Die Böckchen hat der Schäfer weggenommen, um sie in einer Extraherde rund und dick zu füttern. Sie sind nämlich schon mit vier Monaten fruchtbar und würden alles decken, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Richtig propere Bubis und lässige Stubenhocker sind sie geworden. Na, kein Wunder, den ganzen Tag nur fressen und Blödsinn im Kopf haben. Wenn das man kein böses Ende nimmt!

GoofyBlödsinn machen auch die Ziegen, die unsere Herde begleiten, fast den ganzen Tag über. Was denen so einfällt, um an begehrtes Futter zu kommen, ist schier unglaublich. Gern fressen sie an Büschen und Bäumen herum und knabbern die Rinde ab. Schön blöd, denn dann stirbt der Baum und im nächsten Jahr wächst da nix mehr. Aber das ist denen scheinbar egal, da sind sie sehr ignorant. Gierig versuchen sie, an die Blätter zu kommen und wenn der Hals nicht lang genug ist, steigen sie hoch und balancieren auf den Hinterbeinen. Zum Piepen – Mäh – komisch. Und wenn das noch nicht reicht, springen sie einem durchaus auch mal auf den Rücken. Ungefragt, versteht sich. Ein unmögliches Benehmen! Mit uns kann man’s ja machen, glauben die Damen und Herren, die irgendwie immer im Mittelpunkt stehen müssen mit ihren Capricen und sich zum Clown machen. Und tatsächlich haben wir Schafe ein geduldiges Gemüt. Sonst ginge so ein Zusammenleben ja auch gar nicht. Dieses Zusammenleben ist eine Zweckgemeinschaft. Man kann sich ja nicht alles im Leben aussuchen. Aber wir Schafe bilden zusammen mit den Ziegen  ein richtig gutes Team als Naturschützer und Landschaftspfleger, was unsere Hauptaufgabe ist. Die Ziegen übernehmen dabei den Teil, den wir nicht mögen. Ja, und um die Kulturlandschaft mit ihrer Artenvielfalt in dieser Gegend zu erhalten, wandert unser Schäfer mit uns das ganze Jahr über von Hutung zu Hutung – das muss man sich mal vorstellen, bei Wind und Wetter, egal ob die Sonne sticht oder strenger Frost herrscht – von unserem Heimatstall ungefähr 25 km weit und wieder zurück. Wie das so ist, möchten Sie wissen? Das kann ich gar nicht so richtig erklären, das muss man wohl am besten selbst erleben.

Wir Schafe sind mit unserer schönen Wolle für jedes Wetter bestens ausgestattet und bräuchten eigentlich gar keinen Stall. Wir können auch gut das ganze Jahr über draußen leben. Ach, ja, die Wolle. Dazu sollte ich vielleicht auch noch zwei, drei Worte verlieren. Früher war unsere Wolle mit ihren vielen guten Eigenschaften für Euch Menschen ein sehr wertvolles Material und wurde entsprechend gut bezahlt. Heute ist das leider nicht mehr so. Heute können die Schäfer froh sein, wenn mit dem Erlös für die Wolle die Kosten für das Scheren gedeckt sind. Und ein Mal im Jahr müssen wir den dicken Pelz auch ablegen. Die Praktikantin hat ihren Zeigefinger an meinem hinteren Rücken mal in meine Wolle gesteckt, und die Wolle ist an der Stelle genau so lang gewesen wie der Finger. Und die hat keine kurzen Fingerchen. Auf jeden Fall war es letzte Woche wieder so weit – die Scherer sind gekommen. Mann, was für eine Aufregung jedes Jahr! Nicht nur für die vielen Menschen, die dann zum Helfen kommen. Ich würde ja am liebsten drauf verzichten. Erst sperrt man uns in kleinen Gruppen in den Stall, da stehen wir rum und warten, warten, warten. Dann werden ein paar von uns aus der Gruppe genommen und warten wieder. Wir haben da wirklich keinen Bock drauf und versuchen uns wegzudrücken und nicht von den anderen getrennt zu werden.Mit Holzhurden versucht man es besser nicht, denn mit geballter Schafpower drücken wir die doch recht schnell kaputt.  Aber irgendwie gelingt es den Menschen mit allen möglichen Tricks dann doch, auch wenn wir ihnen es nicht leicht machen. Wir sind nicht so blöd wie man uns nachsagt und beobachten, was vor sich geht. Die Kollegen, die noch nicht weitergetrieben wurden, wissen, was sie bei der nächsten Runde erwartet und zeigen sich extra störrisch, wenn es um das Weitertreiben geht. Das einzige, was wir fürchten, sind diese kleinen Wadenbeißer, die der Scherer mitbringt und die er meist als letzte Instanz  einsetzt. Klein, wendig, schnell und scheinbar überall ist der Altdeutsche Hütehund ein noch gemeinerer Kläffer als die Hunde unseres Schäfers.

Steht man dann im letzten Warteabteil, ist eh alles egal. Dann ergeben wir uns in das Unabwendbare, wenn uns der Scherer mit seinen kräftigen Händen von den Beinen hebt und auf das Hinterteil setzt. Manch eine wehrt sich heftig und strampelt wie wild, doch vergebens. Der Mann fasst dann nur fester zu. So manchem Mähdel scheint die Prozedur aber auch zu gefallen. Ruhig sitzen sie und gucken ziemlich abgefahren lustvoll, während ihr ganzer Körper von der Schermaschine bearbeitet wird. Wenn das Vlies ab ist, lassen die Menschenhände los. Dann – hopp-hopp – wieder auf die Füße gesprungen, kurz geschüttelt und schnell mit ein paar Bocksprüngen zurück zu den anderen gelaufen. Das fühlt sich jetzt erstmal komisch an, so nackig zu sein, und schaf muss die ersten Tage auch mit der Sonne aufpassen, sonst droht ein Sonnenbrand. Auf jeden Fall zeigen sich alle ganz vergnügt im Sommerkostüm. Jetzt müssen wir nur noch die Füße wieder schön gemacht kriegen – Fußpflege, allerdings ohne Lack – dann sind wir bereit für die weiteren Wanderungen.

So, liebe Leser, ich weiß ja gar nicht, ob Sie noch dabei sind. Vielleicht interessiert Sie das Leben der Schafe ja gar nicht so. Obwohl – wenn Sie wüßten, wie es manchmal bei uns zugeht. Kaum zu glauben. Sodom und Gomorra! Bei manch einer gehen die Hormone durch und dann wird sämtliche Zurückhaltung fallen gelassen. Erst die letzte IMG_1866.JPGWoche haben drei Mähdels aus unserer Herde gelammt. Das muß man sich mal vorstellen! Im Juli! Vollkommen unplanmäßig. Die drei scheinen im Februar Kontakt zu einem Bock gehabt zu haben. Das soll ja eigentlich nicht sein. Unser Schäfer passt da schon auf. Aber manchmal schlüpft doch so ein frühreifes Böckchen durch und gerade im Februar, wenn viele schon ihre Lämmchen zur Welt gebracht haben oder kurz davor stehen, möchten auch die jungen Fräulein ein Lämmchen haben. Tja, und dann lassen sie sich ein auf ein Schäferstündchen. Aber ich will das gar nicht verurteilen. Alle drei sind ordentliche Mütter und kümmern sich wie es sich gehört um ihren Nachwuchs.

Ach, ich höre gerade den Ruf des Schäfers. Hoop – hoop! Da muss ich jetzt schnell mal hin und schauen, was los ist. Bis später vielleicht mal, lieber Leser, und vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 

 

 

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