Die Schur, das jährliche Großereignis

Einige Wochen hat es gedauert bis endlich, dann aber hoppla-di-hopp, der Schertermin anberaumt war. Am Vorabend reiste zunächst ein Scherer aus dem Baskenland mit seiner jungen Familie, Frau und Tochter, an. Jose hatte seine Arbeit als Grafikdesigner an den Nagel gehängt und versuchte, als Scherer in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Er erzählte von sich und seinen bisherigen Erfahrungen mit dem Schafescheren und dass die Tiere im Baskenland nicht so groß seien wie die Merinolandschafe. Am nächsten Morgen traf dann der Hauptscherer mit seiner Frau, zwei altdeutschen Hütenhunden, einem Wurf Welpen sowie einem Anhänger voller Werkzeug und -materialien ein.

Schnell wurde der Anhänger ausgeräumt und die Arbeitsplätze auf der breiten Stallgasse eingerichtet. Große Holzplatten dienten den Scherern als Unterlage für die Schafe. An schweren Eisengalgen wurden die Antriebe, die Schermaschinen, Etuis mit Ersatzklingen und anderem Zubehör und natürlich das unvermeidliche Zählwerk zur Erfassung der bereits geschorenen Schafe aufgehängt. Vor den Scherplätzen standen Eisengestelle, in denen die Wollsäcke eingehängt wurden. Hinter den Scherern, im großen Laufstall waren bereits die Abteile, in denen die Schafe in kleinen Gruppen auf die Prozedur warten sollten, eingerichtet.

Lockschaf

Warten

Das letzte Abteil wurde mit einem kurzen Trichter ausgestattet, in dem zuvorderst ein Schaf als Lockvogel stand. Der Platz dahinter war beidseitig mit einer Klappvorrichtung versehen, durch die die Scherer das wartende Schaf herausheben konnten und die dahinter wartenden Tiere aufrückten.

Nachdem das meist sehr erschrockene und sich mehr oder weniger heftig wehrende Tier gebändigt war und sitzend mit dem Rücken zum Scherer fixiert wurde – häufig geschieht das durch Einklemmen eines der Vorderbeine nach rückwärts zwischen die Beine des Scherers – wurde die frisch geölte Schermaschine angesetzt und systematisch über den ganzen Körper geführt, bis das Vlies in einem Stück auf dem Boden lag.

Keine drei Minuten später war das Schaf von seiner Wolle befreit und lief mähend durch aufgestellte Gatter auf die gegenüberliegende Stallfläche, von wo aus es durch die große Giebeltür auf die Koppel gelangen konnte.

Der Scherer prüfte seine Schermaschine, gab Öl auf das Messer und in die Maschine, pflückte das nächste Tier aus dem Warteplatz, während Helfer die Wolle fest in die bereit stehenden Säcke stopften und andere Helfer dafür sorgten, dass der Wartetrichter stets gefüllt war. So ging es Schaf für Schaf.Hatte der Hauptscherer 50 Tiere geschoren, wurde die für die Scherer notwendige ausgiebige Erholungspause gemacht, zu deren Ende auch die Klingen geschärft wurden.

Jose staunte über die gut bemuskelten Merinos und nannte sie schon in einer der Pausen am ersten Tag lachend nur noch German Power Sheeps. Englisch war übrigens die Sprache, mit der sich das aus mehreren Nationalitäten bestehende Team, der Schäfer und seine Helfer verständigten.

Bis auch das letzte Schaf geschoren war, vergingen am Ende drei volle, für Mensch und Tier recht anstrengende Tage. Morgens musste die Herde zunächst geteilt werden: Die bereits geschorenen Tiere gingen zurück auf die Koppel, die ungeschorenen passierten in der Sortiereinrichtung das Tor in den Stall, um von dort auf die Warteabteile aufgeteilt zu werden.

IMG_1832.JPGDie fest gestopften und mit Haken verschlossenen Wollsäcke warten nun auf die Abholung durch den Wollhändler. Wohin sie dann gebracht werden, was aus der feinen Merinowolle wird bzw. wie die weiteren Verarbeitungsschritte im Detail bis zum fertigen Garnknäuel sind, findet sich vielleicht irgendwann einmal digitalisiert in den Sachgeschichten der Sendung mit der Maus.

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