Hüten

Ein friedlicher Anblick sind Schafe auf einer Hutung, so nennt man die Flächen, auf denen sie sich unter Aufsicht des Schäfers die Bäuche vollschlagen. Zum Wechsel der Praktikumsstelle, als mir klar war, dass ich in einem Betrieb mit Schafen weitermachen wollte, habe ich mir alles mögliche vorgestellt, nicht aber, dass mir die verantwortungsvolle Aufgabe des Hütens übertragen würde.

Meine ersten Versuche finden in der Nähe des Heimatstalles statt. Es sind Hutungen, die sich gleich neben den Koppeln befinden, auf denen die Schafe stehen. Der Schäfer hat leicht zu hütende Flächen für mich ausgesucht, mir Hinweise gegeben, und eine Seite habe ich mit Netzen gesichert.

Mein erster Versuch auf der Hutung bei Eckartsweiler ist begleitet von ziemlicher Aufregung: Werde ich der Sache gewachsen sein? Kann ich die Herde von meiner Autorität überzeugen? Mit klopfendem Herzen hänge ich die Litzendrähte ganz nach oben, sodass die Tiere darunter durchlaufen können und versuche durch Rufen, die Herde zusammen zu bekommen und auf die Hutung zu führen. Das gelingt so einigermaßen. Meine Schäfchen machen sich außerhalb der Koppel sofort auf in Richtung Wald. Moment mal? Dürfen sie wirklich so weit gehen? Ist die Grenze nicht weiter vorne? Aufzuhalten sind sie nicht. Mein besorgter Anruf beim Schäfer ergibt doch, dass alles in Ordnung ist. Auch die Fläche, an die der Wald grenzt, darf abgefressen werden. Puh! Glück gehabt.

Zügig gehe ich die Grenzen ab. Irgendwie ist mir klar, dass Hektik hier fehl am Platze ist, aber meine persönliche Anforderung, nicht zu scheitern, drängt mich zur Eile. Nur nicht die Kontrolle verlieren! Die Schafe wechseln von rechts nach links, ziehen von oben nach unten, wieder in die Gegenrichtung und futtern gemütlich vor sich hin. So ungefähr vier Stunden brauchen sie, um satt zu werden. Wenn der Pansen sich ordentlich wölbt und das Wiederkäuen beginnt, kann die Herde zurück auf die Koppel. Dazu locke ich wieder mehrmals „Hoop, Hoop“ und schicke zur Unterstützung den Hund, der sich nicht lange bitten lässt und die Schafe zusammentreibt. Das Wegsperren ist in diesem Fall schnell erledigt.

Am folgenden Tag bin ich auf derselben Hutung. Das Hinausführen gelingt dieses Mal besser als am Vortag und das Hüten selbst funktioniert auch besser, denn ich bin nicht mehr ganz so hibbelig. Dafür hakt es beim Wegsperren: Es braucht einige Anläufe, die Herde vom Feierabend zu überzeugen. Mit einigem Stolz, diesen Hirtentag ohne besondere Vorkommnisse beenden zu können, setze ich das Schäfermobil Richtung Schäferbude in Bewegung.

Nach dem Umzug der Herde auf die nächste Koppel bei Eichholz wird die Hutung schwieriger und ist eigentlich eine Aufgabe für einen Hirten mit zwei Hunden: An der einen Seite findet sich ein Maisacker, an der zweiten Seite die Feldstraße neben dem Bahndamm, die dritte Seite grenzt an einen Kleeacker bzw. eine Wiese und ist wegen der abknickenden Wegführung nicht so ohne weiteres im Ganzen zu überblicken. Auf guten Rat hin sichere ich die jungen zarten Maispflanzen mit Flexinetzen – wie sich an Tag 2 herausstellen wird, jedoch nicht gut genug.

Irgendwie bekomme ich die Herde aus der Koppel komplementiert. Die Tiere zockeln los und fressen hocherfreut die Leckereien von der frischen Hutung. Das Hüten selbst ist problemlos, denn die Schafe sind mit dem, was dort wächst, zufrieden. Es ist still, man hört das Rupfen, mit denen die Mähdels das Gras mehr abreißen als -beißen. Das Rufen der Mutterschafe nach ihren Lämmern und ihre Antworten ist zu hören, Vogelgesang und quakende Frösche in einem etwas entfernten Weiher. Ab und zu wechsele ich den Standort, um zu schauen, wo die Schafe gerade sind und was sie so treiben. Erstaunlich, dass die Tiere mit ihren samtweichen Mäulern so ungerührt in Disteln, Brennnesseln, Wildrosenhecken und andere, mit Dornen bewehrte Sträucher beißen als gäbe es nichts besseres. Vier Stunden vergehen ohne Vorkommnisse und als Ruhe in die Herde einkehrt, schicke ich die satten Tiere zurück in die Koppel, wo ich noch die beliebten Salzsteine deponiere.

Tag 2 auf derselben Hutung verläuft dann leider nicht reibungslos. Ich bin mit einem Spaziergänger im Gespräch und zücke im Anschluss schnell noch mein Telefon, als eben dieses klingelt und mein Schäfer-Chef mich darauf hinweist, dass sich einige Tiere gerade davon machen. Schnell gehe ich den Flüchtigen hinterher und bekomme fast Schnappatmung, als ich diese fröhlich schmatzend auf dem eigentlich gesicherten Maisacker antreffe. Auweia! Das gibt jetzt bestimmt mal Ärger. Mit Doras Hilfe treibe ich die Nimmersatte aus dem Mais, versuche dabei, möglichst viele Netze auf den Boden zu legen, um die Rückkehr zu erleichtern. Die Schafe stolpern durch die Netze, ein Lamm verfängt sich. Es weiß nicht, dass rückwärts gehen die Befreiung ermöglicht und versucht mehrmals nach vorne wegzukommen, wobei es sich immer mehr verstrickt. Bevor es sich stranguliert, schneide ich das Netz auf und entlasse das Tierchen zurück in die Freiheit. Nun ist der Acker wieder schaffrei. Ich stelle die Netze auf und versuche, Ordnung zu schaffen. Der Maisacker sieht in einigen Reihen aus wie nach einem Massaker. Telefonisch beichte ich mein Missgeschick und bekomme den Trost, dass die Herde jeden kleinen Moment der Ablenkung erkennt und diesen für sich zu nutzen weiß.

Dies stelle ich keine fünf Minuten später fest, als ich die mir anvertrauten Tiere auf der anderen Seite am Kleeacker finde. Kruzifix und Sackzement! Dieser Nachmittag ist turbulenter als der am Vortag und nach drei Stunden ahne ich, dass ich die Herde heute nicht satt bekommen werde. Eine gute Stunde noch, so lange gilt es Ruhe zu bewahren und weiter zu hüten. Als die Zeit um ist, haben sich einige der Leittiere bereits vor dem Einlass zur Koppel versammelt. Ich öffne die Netze, die Herde trottet als langer schmaler Zug zurück und sammelt sich unter den Bäumen zur Nacht.

Am nächsten Nachmittag lasse ich die Schafe, die morgens mit dem Schäfer auf einer anderen Hutung unterwegs waren, erneut raus. Mit einigem Locken gehen sie hinaus auf die bereits zwei Mal beweidete Fläche. Es ist noch genug zum Sattwerden zu finden, aber Schafe sind, so erkenne ich an diesem Tag, wahre Leckermäulchen: Am ersten Tag auf frischer Weide rupfen und zupfen sie gemütlich vor sich hin, genießen die verschiedenen Gräser und bewegen sich dabei langsam vorwärts. Sie wählen die leckersten Kräuter und lassen den Rest unbeachtet stehen. Am zweiten Tag arbeiten sie sich nochmals über die Fläche, die ihnen scheinbar nichts mehr zu bieten hat. Dabei ist die Hutung groß genug für vier Nachmittage. Ein drittes Mal dort zu weiden, scheint eine Zumutung zu sein: Die Tiere grasen eilig und kommen mir vor wie die Ziege im Märchen „Tischlein, deck dich“. Es ist schon sportlich, der Herde auf dieser unübersichtlichen Fläche zu folgen und sie von den Äckern fernzuhalten. Der Hund hat jede Menge zu tun, den Ackerrand gegen die nach Frischkost gierigen Wiederkäuer zu wehren. Ich ahne, was am nächsten Tag auf mich zukommen könnte und hoffe, dass mir ein weiterer Nachmittag dort erspart bleibt.

Durch das viele Hin- und Herlaufen vergeht die Zeit wie im Flug. Erst nach gut drei Stunden komme ich zurück ans Auto, um einen Schluck zu trinken. Auch heute haben sich bereits einige Tiere in der Nähe des Koppeleingangs versammelt, liegen wiederkäuend und bieten der Hirtin, als es an der Zeit ist, ein scheinbar leichtes Zusammentreiben der Herde. Ich mache mich langsam auf den Weg und rufe die Schafe und Ziegen zu mir. Über der Kuppe entdecke ich mit Schrecken, dass sich einige Biester wieder in den Klee gestellt haben und es sich schmecken lassen. Diese Abtrünnigen will ich noch schnell umrunden und zurück an die Herde drücken, aber – oh Schreck! – die Leittiere haben bereits begonnen, mir zu folgen und gehen nun mit mir auf den Acker, der ganze Tross mähend und blökend hinterher. Auf dem Acker haben sie nichts anderes mehr im Sinn als den zarten Klee zu fressen. Ich verliere den Kontakt zu den Leittieren, immer mehr Schafe trampeln auf dem Acker herum und noch sind nicht alle da. Alles Rufen nützt nichts, verzweifelt rufe ich Lutz um Hilfe an.

Bis er eintrifft, wird mir mein Fehler klar. Nicht nur, dass ich die Herde ja selbst auf den Klee geführt habe, ich habe auch noch den Hund falsch abgestellt und konnte so nicht auf Doras Hilfe zählen. Der Schäfer ist nach wenigen Minuten zur Stelle und bringt mit seiner Autorität umgehend Ordnung in das Chaos und die Schafe zurück auf die Koppel. Ich bin dankbar für seine Geduld und Gelassenheit. In aller Ruhe besprechen wir den Vorfall und was ich hätte besser machen können. Der Klee wird nachwachsen. Den Rest der Hutung soll die Herde am nächsten Vormittag unter Aufsicht vom Schäfer und zwei Hunden leer fressen, bevor sie auf die Koppel in Eckartsweiler zurückgeführt werden. Dort ist das Hüten am Nachmittag sehr entspannt. Es ist reichlich Futter auf der Hutung, es gibt Weiher und Bäche gegen den Durst, schattenspendende Bäume und die Hitze des Tages macht die Tiere träger.

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5 Antworten zu Hüten

  1. Anja schreibt:

    Liebe Sabine, Respekt, was Du da machst! Wind, Sonne und Regend trotzend die Herde beisammen halten …. Du beschreibst das so schön lebendig und direkt, so daß man sch fast wie ein Schäfchen in Deiner Herde fühlt 🙂

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  2. Ingrid 🐑 schreibt:

    Liebe Sabine, tolle Leistung,Du hast meinen vollen Respekt. Ich habe mit Freude Deine Geschichten und Erlebnisse gelesen. Bitte weiter so….
    Ned schlecht für a Hamburger Deern😊

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  3. Marlies schreibt:

    Liebe Sabine, bin begeistert! Wir sind alle voll dabei! Alles Gute und trockenes Wetter!

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