Hinaus ins Freie

Die Nacht war unruhig. Hinter der Schäferbude haben die Mutterschafe nach ihren Bocklämmern gerufen und die Böckchen, die zu den älteren Mastlämmern gestellt wurden, haben weinerlich zurückgeblökt. Mit etwas mehr als vier Monaten war für sie die Zeit des Absetzens gekommen.

Am Tag darauf wurden ihre Mütter zusammen mit den Schafen, die weibliche Lämmer haben, auf die stallnahe Koppel gebracht. Der rund 2,5 km lange Weg dorthin führte zunächst über die Wiese am Stall und im Anschluss größtenteils am Bahndamm vorbei. Die Herde von etwa 100 Tieren stürzte sich auf das frische Grünfutter, blieb aber dicht beieinander und bewegte sich nur langsam als kreiselnder Verband vorwärts. Zu langes Hinschauen auf die sogförmige Anordnung erzeugte leichten Schwindel bei der begleitenden Helferin. Als der Asphaltweg erreicht und der Bahntunnel passiert war, war die erste Gier der Tiere nach Gras und Kräutern gestillt. Die Luft war erfüllt vom Duft des wilden Thymians, der hier überall wuchs. Ein kleiner Trupp Schafe blökte von einer Koppel aus und hieß die Artgenossen willkommen. Dort sollte es aber nicht hingehen, sondern im rechten Winkel abgebogen in die andere Richtung. Vorsichtig drückte der Schäfer seine Tiere auf den Weg, während die Helferin an der Spitze der Kolonne weiter lockend voranging. Geschafft! Nachdem alle Schafe den parallel zur Bahnstrecke verlaufenden Weg eingeschlagen hatten, galt es den Maisacker auf der anderen Seite zu sichern. Farina, die erfahrene Hündin, wurde von der Leine gelassen und lief sichernd neben der Herde auf und ab.

Auf halber Strecke hatten die Schafe sichtlich schwere Beine und wollten nicht mehr vorangehen. Für die Lämmer waren solchen Distanzen Neuland und die meisten Alttiere waren seit Monaten nicht unterwegs gewesen. Der Schäfer und die Helferin wechselten die Plätze. Nun ging der Schäfer voraus. Farina wurde an die Herde herangeschickt, um den müden Tieren wieder auf die Sprünge zu helfen. Die hatten keine Lust weiterzulaufen und es ging nur noch schleppend vorwärts. Der laute Zug, der sich von hinten näherte, brachte nur für einige Meter etwas mehr Bewegung in die Herde. Immer drängender musste Farina arbeiten. Es sei, so erzählte der Schäfer, schon vorgekommen, dass eine Herde untrainierter Tiere nicht mehr zu bewegen war und an Ort und Stelle ein Pferch gezäunt werden musste, in dem die Schafe sich über Nacht erholen konnten.

Zwischenzeitlich war die Koppel in Sichtweite, aber das bewegte die Schafe, die nichts vom Ziel des Weges wussten, auch nicht zum Endspurt. Im Gegenteil, denn zur Abkürzung schlug der Schäfer einen Weg durch eine hoch bewachsene Wiese ein, für die Tiere eine unangenehme Herausforderung. Ohne die fleißige Arbeit des freilaufenden Schäferhundes, der immer häufiger das ein oder andere Tier zwickte und sich so Autorität verschaffte, hätte sich der Verband nicht zum Weitergehen bewegen lassen. Einige Minuten später war es dann aber doch geschafft: Alle Schafe hatten nach 1,5 Stunden das Tor zur Koppel passiert und sich im Nistbereich eines Bachstelzenpärchens, das aufgeregte Angriffe auf die Neuankömmlinge flog, niedergelassen.

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Der Schäfer und die Helferin machten sich mit ihren beiden Hunden auf den Rückweg, den sie plaudernd in weniger als der halben Zeit schafften. Feierabend und die Aussicht, ab dem kommenden Tag weniger Zeit mit der Morgenarbeit im Stall verbringen und stattdessen mehr draußen bei der Wanderherde zu sein.

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