Mein verstecktes Bridget Jones-Gen

Abseits der städtischen Zivilisation entdecke ich fast täglich eine ganz andere Welt. Nicht nur in der kleinen Schäferbude, bei der Morgenarbeit im Stall, auf dem Weg zur Herde, auf den Landschaftspflegeflächen – hier ticken die Uhren des Lebens in einem anderen Rhythmus.

Die Schafe liegen bei unserem Eintreffen am Vormittag meist noch zufrieden in Pferch oder Koppel, scheinen aber stets auf ihren Schäfer zu warten und lassen sich nicht lange bitten, die nächste Wiese zu erobern, um diese nieder zu fressen und/oder zu trampeln. Manchmal geht es auf recht schmalen Wegen bergauf und -ab, durch Wald und Flur und bis die Herde sich von ihrer breiten Masse zu einem schmalen langen Zug sortiert hat, gibt es ein großes Gedränge und Geschiebe mit vielerlei Mähs. Der Schäfer geht vorweg, schickt seine zuverlässigen Hunde immer wieder zum Ordnungschaffen, dass auch alle Tiere hübsch beieinander bleiben. Gerade bei den größeren Lämmern kann es passieren, dass diese sich absondern, sich am Wegesrand die Bäuche vollschlagen und den Anschluss zur Herde verpassen. Hier ist die Hilfe einer weiteren Person sehr willkommen.IMG_1640.JPGIch stehe also mit Dora, dem mir anvertrauten Schäferhund, überwache das Einfädeln auf den schmalen Waldweg und gehe noch ein Stück der Herde nach. Der steile Weg ist ordentlich zertrampelt und ganz schön glitschig. Ein Schaf kann den Anschluss zur Herde nicht halten, es bleibt keuchend immer wieder stehen, legt sich sogar hin und läßt sich nicht einmal durch die Anwesenheit des Hundes stören. Ich treibe es auf, setze ihm mit dem Farbstift ein deutliches Zeichen aufs Fell und überlege, was mit dem kranken Tier getan werden kann. Die Herde ist bereits außer Sicht-, aber noch in Hörweite. Den Weg zum heutigen Tagesziel wird es in seinem Zustand nicht schaffen. Am besten wäre, es im Anhänger zu transportieren.

Mittlerweile haben wir eine Kreuzung erreicht, an der die Herde nach rechts abgebogen ist. Mein Pflegefall macht keine Anstalten, zu folgen und geht einfach geradeaus weiter. Auf ebener Fläche scheint das Gehen nicht so anstrengend. Die Wege hier sind breit und wären befahrbar. In der Nähe sehe ich ein Gehöft. Per Handy informiere ich Lutz, dass er ein Schaf verloren hat. Er will mit der Herde umdrehen und zurückkommen, aber ich bin optimistisch, diese Situation auch allein in den Griff zu bekommen. Aus dem Schultergurt meiner Tasche zaubere ich dem Schaf ein rotes Halsband und mache es mit der Hundeleine an einem Hochsitz fest. So, schön da bleiben, ich hole das Schäfermobil und bin gleich zurück! Schnell noch den Standort im Smartphone gespeichert und eilig gehe ich den matschigen Waldweg zurück zum Auto.

Es ist das erste Mal, das ich die Navigation per iPhone nutze, und als mich die Ansage überraschenderweise nicht das Gehöft anfahren lässt, sondern erst in den nächsten Weg abbiegen will, denke ich mir nichts Böses. Ich ahne mich auch noch nicht auf dem Holzweg, als ich drei oder vier Hochsitze sehe. An welchem aber liegt nun mein krankes Schaf? Rechts neben dem Auto stehen Longhorns, diese habe ich vorhin aus der Ferne nicht gesehen. Dass ich hier nicht richtig sein kann, fällt mir auf, als es nicht mehr weitergeht. Ach, Du heiliges Schaf! Das kann ja jetzt wohl nicht wahr sein! Ich steige aus, um mir einen Überblick zu verschaffen.

Sofort traben die Longhorns in meine Richtung, um den unerwarteten Besuch respekteinflößend in Augenschein zu nehmen. Mit ihren eindrucksvollen Hörnern und dem dicken, etwas zotteligen rotbraunen Fell sind sie wunderschön. Ich schicke ein Stoßgebet zum Himmel, dass der Strom auf dem Zaun ausreicht, einen eventuellen Ausbruchsversuch zu vereiteln. Mit einigem Entsetzen realisiere ich außerdem, dass direkt neben der nicht sehr breiten Fahrspur eine steile Böschung in einen Weiher führt. Auwei, auwei, auweia, was für ein Mist. Ich steige zurück ins Auto und versuche, das Gespann rückwärts zu manövrieren. Muss ich erwähnen, dass mir das nicht gelingt? Der Hänger bewegt sich stur Richtung Böschung und zwei weitere Versuche, das Gespann gerade zu richten und rückwärts zu bewegen, enden damit, dass sich der Boden unter den Reifen bedenklich nach Festfahren anfühlt. Ich ahne, ach was, ich weiß bereits, dass ich hier ohne fremde Hilfe verloren bin und greife zum Handy. Kein Netz. Auch das noch. Ich steige aus und die Longhorns, über meinen Besuch jetzt sichtlich nicht erfreut, kommen wieder an den Zaun und begleiten mich aufgeregt den Weg entlang.

LonghornsHoffentlich ist Strom auf der Litze und hoffentlich ist dieser abschreckend genug. Endlich. Das Netz ist wieder da. Ich schicke einen Hilferuf an Gerhard und schildere kurz meine Situation. Gerhards Frage nach einem Abschleppseil zwingt mich dazu, Lutz anzurufen und meine peinliche Lage zu beichten. Erschien mir schon des öfteren, dass sich mein jetziger Arbeitgeber durch nichts aus der Ruhe bringen lässt, so ist auch dieses Missgeschick meinerseits für ihn kein Worst Case-Szenario. Ohne bösen Kommentar hört er sich an, was ich zu sagen haben und entscheidet, jemanden um Hilfe zu bitten.

Mir ist diese Situation unangenehm, meine dumme Hilflosigkeit so unangenehm. Ein tolle Schäferpraktikantin bin ich. Zu blöd, mit dem Hänger rückwärts zu fahren. Was tue ich hier eigentlich? Vielleicht sollte ich den Krempel hinschmeißen und meinen Hintern wieder auf den Bürostuhl hieven. Bridget Jones auf Landabenteuer. Mein Ärger über mich selbst wird von Lutz Anruf unterbrochen. Seine Bitte um Hilfe ist erfolgreich gewesen und er kündigt mir Johannes an.

Peinlich, peinlich. Werde ich das Landgespräch der nächsten Tage sein? „Du, stell Dir vor, der Schäfer hat da jetzt eine Praktikantin aus der Stadt, die kann nicht mal mit dem Hänger rückwärts fahren. Die hat der Johannes neulich abholen müssen, weil sie sich festgefahren hat und ihr Handy den Rückwärtsweg nicht konnte… Hahaha.“ Bestimmt werde ich Zielscheibe für Klatsch und Tratsch, Hohn und Spott sein. Aufgeben, einpacken. Schön war’s, aber mangels Eignung zum Praktischen gehe ich besser zurück ins Büro. Das sind meine Gedanken, als mein Helfer in der Not eintrifft und mich freundlich begrüßt.

Johannes hat praktischerweise eine Hängerkupplung am Auto und als er den Hänger vom Schäfermobil abgekoppelt und gedreht hat, zieht er ihn mit mit seinem Fahrzeug aus der Gefahrenzone, die nur für blöde Städter, die gern mal Landwirtschaft spielen wollen, eine ist. Auch mein Zugfahrzeug setzt er souverän zurück. Hätte er nun die erbetene Hilfe erledigt und zurück zu seiner unterbrochenen Arbeit fahren können, nimmt er sich auch noch die Zeit, das kranke Schaf abholen, einzuladen und mich danach zur Fläche am Golfplatz zu geleiten, wo ich schon längst den Nachtpferch und den Trichter für das medizinische Fußbad hätte fertig haben sollen. Ich weiß nicht, wie ich ihm für diese tolle Unterstützung danken kann. Mir bleibt nur ein aufrichtiges Wort des Dankes, als wir uns verabschieden.

Die Tagesplanung, die wir am Morgen verabredet hatten, ist auf jeden Fall für die Katz. Schnell stecke ich die Zäune, telefoniere zwischendurch mit dem noch immer gelassenen Schäfer und freue mich, als Dora mir das Nähern der Herde anzeigt und ich mich wieder zu den anderen Schäfchen gesellen kann. Vor Feierabend treiben wir alle Vierbeiner außer den Hunden den Durchlauf mit der Zinklösung zur Klauenpflege hindurch in den Nachtpferch und nutzen diese Gelegenheit, die Tiere zu zählen. 829 Schafe und die für den Schäfer als verzählt, da zu viel, ermittelte Zahl von 44 Ziegen verkünde ich als Endergebnis und so endet für mich ein weiterer Praktikantentag, dieser mit der Erkenntnis, dass das Landleben so einige Abenteuer parat hat, die Bevölkerung in den Dörfern und Weilern sehr hilfsbereit ist und selbst, wenn sich die Städtebewohner davon eine große Scheibe abschneiden würden, immer noch genug von dieser unglaublichen Freundlichkeit bliebe.

Nachsatz:

Das kranke Schaf hat trotz medikamentöser Versorgung den nächsten Tag nicht mehr erlebt.

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