Wanderschäferei

Meine Praktikumspause war erfreulicherweise nur kurz. Das Pfingstsonntag beim Stellenmarkt für Schäfer aufgegebene Gesuch „Praktikantin sucht Herde“ wurde von mehreren Betrieben beantwortet und bereits zwei Tage später, am Dienstag, war ich auf dem Weg nach Mittelfranken, um mich bei in der Schäferei Ringer in Eckartsweiler vorzustellen. Mein Zeug hatte ich vorsorglich eingepackt und so bin ich nach einem positiven ersten Eindruck am Nachmittag dann gleich dort geblieben, um zu erfahren, was das Leben und die Arbeit eines Wanderschäfers ausmacht.

Mit der Herde von Wiese zu Wiese ziehen, um die Landschaft vor Verbuschung und Wildwuchs zu bewahren, ist eine Arbeit, die vom Staat mit Prämien honoriert wird. Die Schafe finden häufig auf Naturschutzflächen ihr Fressen, in der Nacht werden sie gepfercht oder gekoppelt, und der Schäfer kann nach Hause fahren oder in seinen Wohnwagen steigen.

Es ist ein idyllisches Bild, einem Schäfer mit Herde zu begegnen und die meisten Autofahrer haben Geduld, bis die Straße wieder frei ist. Neben der Planung, wann wo geweidet werden muss und übernachtet werden kann, ist stets auch die Gesundheit der Schafe und Ziegen im Auge zu behalten. Meistens sind es zu lange Klauen, die den Tieren Schwierigkeiten beim Laufen bereiten: Mit Schere und Messer wird die Fußpflege nebenbei erledigt. Es gibt aber auch gebrochene Beine, Lungenentzündungen und andere Krankheiten, die den Transport der Tiere zur Krankenstation in den heimischen Stall nötig machen.

Die Frage, die mir wohl am häufigsten gestellt wird, lautet: Aber was machst Du bei schlechtem Wetter? Kaum jemand kann sich vorstellen, bei Wind, Regen und Kälte draußen zu bleiben. Dabei gibt es doch eigentlich kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung. Überhaupt sieht Regenwetter oder auch nur dichte Bewölkung durchs Fenster der warmen Stube betrachtet sehr viel schlimmer aus als es sich tatsächlich anfühlt, wenn man mit geeigneter Kleidung draußen unterwegs und in Bewegung ist. Und wie häufig ist das Wetter eigentlich wirklich schlecht? In meiner ersten Woche hier gab es mal eine Vorhersage für Regen. Der Niederschlag blieb aber aus und nass war ich am Ende, weil ich in meiner Regenhose so geschwitzt hatte.

In der zweiten Woche war ich noch auf dem Weg zurück vom Wochenende zuhause als es unterwegs unwetterartig schüttete. Der Nachmittag, den ich dann bei den Schafen verbrachte, war eher trocken, das zwischenzeitliche Nieseln nicht unangenehm.

Heute Nachmittag beim Koppelstecken hat mich dann ein Unwetter mit Hagel und heftigem Regen erwischt: In Nullkommanichts war ich trotz langem Regenumhang an den Beinen und Füssen pitsche-patsche nass. Die Schuhe, sorgfältig gewachst, liefen mir von oben bis hoch zu den Knöcheln voll. Angenehm, ich gebe es zu, ist das nicht. Viel unangenehmer aber ist die Kindheitserinnerung, mit vollgelaufenen Gummistiefel nach Hause zu kommen, weil die Stiefelschäfte nicht zum Wasserstand des Baches passten. Warum meine Mutter immer so ein Donnerwetter mit Gezeter folgen ließ, begreife ich bis heute nicht. Ist doch nur Wasser. Quatsch-Quatsch. So habe ich meine Arbeit fortgesetzt und mich – Pitsch-Patsch – insgeheim über meine Unachtsamkeit geärgert, die Gummistiefel nicht griffbereit im Schäfermobil zu haben. So ein Schietwetter! Aber da muss man durch. Immerhin ist es Frühling. Ein echter Schäfer kann von Herbststürmen und eisigen Wintertagen berichten, an denen die Unwetterkleidung im Auto liegt, die Herde aber für das schnelle Überziehen zu weit davon entfernt ist.

Ich arbeite mich also unverdrossen an dieser Koppel ab, neide dem Herrn Schäfer seinen freien Nachmittag und ärgere mich über den blöden Boden, der voller lästiger Steine das Stecken der Netze zu einem unfröhlichen Akt werden lässt. Unglaublich, wie viel Grünzeug auf so wenig Erde wächst. Nach einer guten Stunde wird der Regen weniger und hört fast ganz auf. Der Kuckuck schreit seit gestern schon aus dem Wald, und im nahe gelegenen Weiher quaken die Frösche laut und deutlich. Diese schöne Akustik begleitet den aufklarenden Himmel, und mit dem Himmelsblau kehrt auch bei mir die Heiterkeit zurück.

Ich freue mich sehr über diese neue Praktikumsstelle und wie sich alles von Landwirtschaft allgemein über Milchvieh zu den kleinen Wiederkäuern entwickelt hat. Die Arbeit an der frischen Luft, dazu körperliche Bewegung wie bei einer Bergwanderung, die Freude an den Tieren und der Natur und nicht zuletzt die Zeit für Gedanken beim Auf- oder Abbauen der Zäune. Schon nach einer Woche wusste ich: Das ist der beste Job, den ich jemals hatte.

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