Mein Leben auf dem Lande, Teil 1

Seit dem 1. April (kein Scherz) bin ich landwirtschaftliche Praktikantin auf einem kleinen, vielseitigen Bauernhof in Oberpfalz. Am ersten Tag habe ich mich in dem alten Bauwagen, der für das nächste halbe Jahr mein Domizil sein soll, eingerichtet und mich auf dem Hof umgesehen. Es war nicht warm an diesem Freitag, der Himmel war bewölkt, ein kalter Wind ging und noch wusste ich nicht, wie der im Bauwagen installierte Pelletofen in Gang zu bringen ist. Also bin ich immer wieder raus, ein bisschen in der Hoffnung, jemand möge mich unter seine Fittiche nehmen und mir was zu tun geben. Beim Abendmelken habe ich dann schon mal zugesehen, und irgendwann war auch die Betriebsleiterin zurück auf dem Hof. Wir haben vereinbart, dass ich am Sonntag mit ihrem Mann morgens in den Stall gehen sollte.

Der Sonnabend war also überraschend arbeitsfrei und ich bin zum „Zukunft säen“ zu den Kümmelbauern gefahren.

Sonntag morgen 7:30 Uhr. Der Stalldienst beginnt für mich mit dem Füttern der Schafe: Die Laufställe, in denen sie untergebracht sind, teilen sich ein Futterband, ein Förderband, das elektrisch betrieben das Futter über die Länge der Ställe verteilt. Damit der Futterknecht in Ruhe vorlegen kann, wird die „Jalousie“ geschlossen, die den Tieren den Zugang zum Fressen gewährt. Zunächst werden die Reste der Abendmahlzeit vom Futterband geholt: Das sichere Zeichen für die Tiere, dass in Kürze das Frühstück serviert wird. Klingt ihr Blöken anfänglich noch nach freudiger Erwartung, wird es mit jeder Minute, die vergeht fordernder, anklagender, ungeduldiger. Ich würde ja gern schneller, aber das Abstechen der Maissilage aus dem Rundballen ist (noch) ordentlich anstrengend. Gut, dass ich schon den Getreideeimer und die Schaufel Mineralfutter parat habe. Die Maissilage wird mit dem Mineralfutter vermischt und auf das laufende Band geschaufelt, schön gleichmäßig bitte, dabei aber Avanti-Avanti und lückenlos so dosieren, dass das Futter von hinten bis vorn reicht. Während das Band läuft, wird es immer lauter. Nicht vom Maschinengeräusch, sondern von den ungeduldig blökenden und mähenden Schafen. Was für ein Gesang, was für ein Antreiben. „Beeil Dich mal.“ „Wie lange dauert das denn heute?“ „Ich bin so hungrig.“ „Schneller, Mensch!“ „Hunger!“ scheinen die Tiere zu rufen. Bäh – Böh – Mäh – Möh in allen möglichen Tonarten, es ist schier unglaublich!
Nach der Silage schnell noch das Getreide auf dem Band verteilen, dann die Jalousie der rechten Seite aufkurbeln und schlagartig wird es ruhiger. Die Tiere wenden sich zufrieden der Mahlzeit zu. Ungefähr fünf Minuten dürfen die jüngeren Schafe und Ziegen fressen, dann werden auch die älteren Tiere, die auf der linken Seite stehen, ans Futter gelassen und – zumindest in diesem Bereich der Stallanlage herrscht – uff – zufriedene Ruhe.

Es ist ein schönes Bild, wie die Schafe und Ziegen dicht nebeneinander stehen und die Köpfe durch die Abtrennung gesteckt, friedlich fressen. Die überwiegende Rasse der Herde besteht aus Ostfriesen. Kantige Gesichter mit großen Augen, echte Charakterköpfe, herzallerliebst anzuschauen. Wie das Land, so das Jever die Schafe.

Drei_Damen

Drei ostfriesische Damen

Als nächstes werde ich in die Grundlagen des Schweinefrühstücks eingewiesen. Die Bunten Bentheimer bekommen Schrot, jedes Tier ungefähr eine Schaufel voll, darauf wird Molke gegossen und erst wenn diese Pampe, die den laufenden Koteletts sichtbar mundet, aufgefressen ist, bekommen die Tiere Wasser.

Ich bin ganz schön in Bewegung. Eimer auffüllen, das Futterband der älteren Lämmer säubern und diese füttern. Danach den Kühen Heu vorlegen. Das Silageabstechen ist schon keine leichte Arbeit, das Heu vom Großballen auf die Schubkarre laden noch viel weniger. Dann die Fuhre auf schmaler Planke auf den Futtertisch fahren und verteilen. Geschafft, auch diese Mäuler sind gestopft und halten nun Ruhe.

Der festangestellte Mitarbeiter ist derweil mit dem Melken der sechs Grauviehdamen beschäftigt. Auf dem Hof gibt es zwar für die Schafe und Ziegen einen Melkstand, die Kühe aber werden im Fressgitter ebenerdig mit dem Eimer gemolken. Das hatte ich mir am Freitag schon angesehen und bin im Moment ganz froh, dass mir diese Aufgabe nicht zugeteilt wird. Vielleicht später, wenn ich mit Angelique, Ulli, Uschi, Anette, Ulla und Martina ein bisschen warm geworden bin. Es kommt mir vor, als seien diese Kühe nicht so umgänglich wie die Herde auf dem Spitalhof. Nicht, dass sie bösartig sind, aber deutlich zurückhaltender, fast schon selbstbewusst. Liegt es an der Haltungsform mit Weidegang, Matratzenlager, Kontakt zu ihren Kälbern und nicht zuletzt an ihren Hörnern? Dass behornte Kühe ein anderes Sozialverhalten haben, wird der Chef mir später bestätigen.

Als Florin mit den Kühen fertig ist, kommen die kleinen Milchlieferanten dran. Mir ist bewusst, dass ich keine großartige Hilfe, vielleicht sogar eher eine Bremse bin, aber die Arbeit mit den Schafen und Ziegen macht großen Spaß. Nach dem Melken endlich Frühstückspause!

Von dieser ersten Arbeitseinheit bin ich doch ziemlich geschafft. Mein Körper fühlt sich arg geschunden an, und ich weiß nicht so recht, wie ich den restlichen Tag überstehen soll. Da kommt mir die Nachricht, dass ich nach der Pause in die Käserei soll, ganz gelegen.

 

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