Vom Blog zum Buch

Im Laufe der Zeit haben einige Leser gelegentlich angeregt, ob ich nicht ein Buch aus dem Blog machen wolle, was ich mir selbst aber nicht vorstellen konnte. So toll finde ich meine kleinen Schafserlebnisse ja nicht, dass sie neben den regelmäßigen Lesern und denen, die zufällig zu diesem Blog finden, ein größeres Publikum interessieren könnten. Irgendwie habe ich mich dann aber doch mit der Idee anfreunden können, dass ein Buch vielleicht ganz nett sein könnte – weniger der Texte als der Fotos wegen. So wie man ja früher, als Fotos noch nicht digital und durch die Preise für Filme, Entwicklung und Abzüge in gewisser Weise limitiert waren, die schönsten in ein Album geklebt und dieses als Erinnerung für sich und zum Herzeigen für Familie und Freunde ins Regal gestellt hat.

Das war der Grundstein für die Buchidee. Mein Liebster, der aus seinem eigenen Blog jährlich ein Buch macht, war sofort bereit mich technisch zu unterstützen und so habe ich mich der Herausforderung gestellt. Das Format für mein Buch war schnell gefunden – A4 im Querformat konnte ich mir gut vorstellen.

Die Suche nach der Schriftart war dann schon aufwändiger. Mir gefiel bei Bildbänden schon immer gut, wenn die Texte in einer Art Handschrift hinterlegt sind. Die Handwriting-Types, die ich zur Auswahl hatte, waren allesamt entweder zu schnörkelig oder zu kantig und nicht nach meiner Nase. Andere Schriftarten wiederum erinnerten zu sehr an Geschäftsbriefe und Behördenpost und kamen deshalb nicht in Frage. Ich hatte mich für meinen Geschmack schon viel zu lange mit der Suche nach der passenden Schrift aufgehalten – erwähnte ich jemals, dass mein zweiter Name Ungeduld ist? – und war kurz davor, das Vorhaben wieder aufzustecken. Wenn schon die Vorbereitungen so lange dauerten, wie lange würde dann der Rest brauchen? Zwei Tage, dachte ich, sollten reichen – schließlich bin ich auch nicht der geborene Stubenhocker – mehr Zeit wollte ich eigentlich nicht investieren. Naja, irgendwie habe ich mich dann doch noch für eine Schrift entschieden, während Gerhard mir das Rohformat eingerichtet hatte, und ich konnte mich endlich ans Werk machen.

Die Idee, in zwei Tagen fertig zu sein, konnte ich schnell begraben, selbst bei einem Arbeiten rund um die Uhr würden 48 Stunden nicht ausreichen.

Die Gestaltung der Seiten, die Aufteilung zwischen Text und Fotos, stellte ich schnell fest, ist für jemanden, der das nicht gelernt hat, ziemlich tricky. Blättert man in Zeitschriften oder bebilderten Büchern, erscheint einem alles so selbstverständlich und leicht. Sitzt man selbst vor dem Rechner mit der entsprechenden Layout-Software, bekommt man verdammt schnell Respekt vor der Arbeit der Profis. So habe ich im Dezember und Januar an vielen Tagen etliche Stunden diesem Buch gewidmet, um manchmal dem Wahnsinn, wenn etwas nicht gelang, nur um Haaresbreite zu entkommen. Mit fortschreitender Herstellung wurde ich gelassener, was den Umgang mit der Software anging, allerdings auch hippelig vor freudiger Erwartung, bald das Buch in den Händen zu halten.

Als Texte und Bilder komplett zusammengefügt waren, ging es an das Korrekturlesen. Mir fiel diese konzentrierte Fehlersuche wie immer schwer, denn ich kenne meine Texte ja und lese deshalb meist großzügig über meine kleinen oder großen Tippfehler, falsche Zeichensetzung oder Rechtschreibfehler hinweg. Und doch habe ich in der ersten Runde einiges gefunden, was auch im Blog auszubessern war. Ach so, die Gestaltung des Inneneinbandes mit Inhaltsverzeichnis und Danksagung musste ja auch noch sein. Also erstmal wieder an den Bücherschrank und gespickt, wie es in anderen Büchern aussieht, um Inspiration zu bekommen und eine Idee zu entwickeln.

Als das Innenleben vollständig war, musste die Datei für die Übertragung zur Druckerei in ein PDF umgewandelt werden. Nun endlich war ich wieder eine Spur näher am Endprodukt und konnte mir die Seiten wie im Buch auf dem Bildschirm ansehen. Toll! Ich war recht begeistert, auch wenn ich nochmals zwei Fehler gefunden habe, die auszumerzen waren. Das war allerdings nicht dramatisch,  weil die Datei mit fast 4 Gigabyte eine Größe hatte, die als Upload nicht zu gebrauchen war und das Original ein zweites Mal mit Komprimierung in ein PDF mit 169 MB umgewandelt werden musste.

Danach, oh weh!, war das Buch immer noch nicht fertig, denn der Einband musste auch noch erstellt und gestaltet werden. Meine Geduld war fast aufgebraucht, den Einband hatte ich gar nicht auf dem Zettel gehabt. Meine Idee, mit einem schmalen Fotostreifen am unteren Rand Buchdeckel und -rücken zu gestalten, führte mich in eine Sackgasse. Wohin mit dem Titel und welche Farbe für den Rest? Auf diese Frage fand ich trotz einiger Versuche keine Antwort. Hier war ich wirklich am Ende meiner gestalterischen Möglichkeiten angekommen. Dann überlegte ich mir Ungewöhnliches: Wäre ein Einband aus echtem Fell oder weicher Wolle nicht ein Knüller? Solche Möglichkeiten bietet die ausgewählte Druckerei leider nicht, aber vielleicht fände sich ein geeignetes Foto in meinem Fundus. Obwohl ich etliche Schafe fotografiert habe, war kein Foto geeignet, nur das wollige Fell auszuschneiden und zu verwenden. Natürlich hätte ich bei nächster Gelegenheit entsprechende Fotos machen können, aber dazu blieb mir, von chronischer Ungeduld geplagt, wirklich keine Zeit. Ich probierte Wiesenbilder, die es aber irgendwie auch nicht waren, bis ich auf ein Foto von sauberer Einstreu stieß, was ich letztendlich auch verwendete.

Dass Gerhard es nicht so eilig hatte („Die Druckerei arbeitet heute am Sonntagabend doch sowieso nicht“) und erst nach gehöriger Quengelei meinerseits am Montag das Datenpaket am Dienstag zur Druckerei gelangte, sei der Vollständigkeit halber noch erwähnt. Dann hieß es warten. Am Mittwochvormittag erreichte mich Gerhards Whatsapp, dass sich das Buch bereits in Produktion befände, doch ich sollte mich noch länger als eine Woche in Geduld üben, bis ich am Freitagnachmittag das Päckchen öffnen und mein Buch endlich das erste Mal in Händen halten konnte. Mein Hauptaugenmerk galt den Bildern und leider mußte ich erkennen, dass die Qualität im Druck nicht die ist, die ich auf dem hellen Mac-Monitor sehe. Dunkle Stellen erscheinen verwaschen, ohne Details, einfach nur dunkel. Hier hoffe ich, dass ich mit Gerhards technischer Unterstützung eine Verbesserung der betroffenen Fotos erzielen kann, um nach einer zweiten Runde in der  Druckerei ein wirklich perfektes Buch zu besitzen.

 

 

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Es ist Winter geworden

DSC00531.JPGDer Januar bringt nun auch den allfälligen Schnee und Frost und malt die schöne oberbayerische Landschaft winterlich in den Farben der Landesflagge weiß und blau. Heute Vormittag hat es im Brucker Moos, wo die Herde steht, noch eisige 15 Grad minus, aber die Sonne scheint und es ist windstill. Auf den weiten Flächen fänden die Schafe noch genug zu fressen, hätten nicht  viele Wiesen kürzlich noch eine Gülledusche erhalten, was das Gras unter dem Schnee ungenießbar DSC00543.JPGgemacht hat. Ein Acker mit Senf ist das erste Ziel des Tages und mit gutem Appetit machen sich die Schafe ans Werk. Wie überall kommen auch hier Spaziergänger mit den üblichen Fragen, aus denen sich meist kleine Gespräche entwickeln. Die Herde ist aber gar nicht ihr primäres Ziel, denn ein Grundstück weiter wurde vor kurzem ein Windrad aufgestellt, das die Leute zum Gucken DSC00560.JPGlockt. Gerade aber steht sein Propeller still. Was für ein Glück – kalter Wind ist selbst bei schönsten Sonnenschein nichts, was auf Dauer Freude bringt wenn man bei dieser Temperatur draußen zu tun hat. Meine neuen Thermostiefel erfüllen ihren Zweck, für warme Füsse zu sorgen, ganz ausgezeichnet. Außer ihnen trage ich unter der Moleskinhose eine Leggings und darüber nach dem Motto „viel hilft viel und bloß nicht frieren“ noch DSC00547.JPGSkiunterwäsche. Die Kniestrümpfe, die ich mir für den Skikurs in meinem ersten bayerischen Winter gekauft hatte, finden heute ebenfalls Verwendung. Obenrum halten mich Wollpullover, Schal, Parka und Mütze warm, und so stehe ich an der Herde, freue mich des Lebens und über den Anblick der Sternsinger, die am heutigen Tag der Heiligen drei Könige von Hof zu Hof laufen und ihren Segen bringen.

DSC00554.JPGDSC00551.JPGDen Schafen und Ziegen ist das egal, sie tummeln sich genüßlich schmatzend im Senf, und etwas Abseits gibt sich ein verliebtes Pärchen ein romantisches Stelldichein.

 

DSC00535.JPGDer Schäfer will nach den nächsten Weidegründen suchen und überlässt mir mit dem Hüteauftrag die junge Hündin Flora, deren Gesicht wie bei einem geschminkten Harlekin zweifarbig ist: rechts schwarz, links grau. Flora hat reichlich Hummeln im Hintern und würde gern die Herde nach ihrer Fasson neu aufstellen. Sie lungert um mich herum, sitzt, liegt, steht kurz auf, fiept, heult, jammert zum Gotterbarmen und würde ja so gern, was sie gerade nicht darf. Als die Ziegen sich langsam in den Wald verdrücken wollen, pfeife ich ein kurzes Kommando. Die Erlösung für den arbeitswütigen Hund – Flora geht ab wie die sprichwörtliche Rakete, sorgt am Waldrand für Ordnung und versetzt dabei den unbeteiligten Schafen einen gehörigen Schreck, die ein ganzes Stück nach unten zum Rest der Herde springen. So viel Druck sollte der Hund eigentlich nicht machen, aber wenigstens lässt Flora sich zurückrufen, sodass die Herde DSC00562.JPGsich nach kurzem Sortieren wieder ans Fressen macht. Die Schafe scharren im Schnee und legen dabei tiefgekühltes Grünfutter frei, das ihnen offensichtlich genügt. Viel ist es nicht, verglichen mit dem im Sommer reichlich gedeckten Tisch und auch nach zwei Stunden ist noch kein Tier satt. Betrachtet man das Wetter, das aufwändige Scharren und die Tatsache, dass etliche Tiere im nächsten Monat Mutterfreuden entgegensehen, könnte man sich Sorgen machen, die Herde litte Hunger. Bis zu 20 cm Schnee, höre ich vom Schäfer, der von seiner Erkundung zurückgekehrt ist, sind unkritisch und die Schafe finden unter dem Schnee noch immer etwas Nahrhaftes. Wenn es mehr wird, muss nicht wie jetzt zu-, sondern voll gefüttert werden und das wäre arbeitstechnisch und finanziell ein unerwünscht großer Aufwand.

Wir machen uns auf den Weg zum nächsten Futterplatz, queren die wenig befahrene Landstraße ohne Probleme und biegen nach kurzer Strecke in einen schmalen Waldweg. Huh! Hier im Schatten ist es deutlich kälter. Noch friere ich nicht, bin ja auch in Bewegung und am Ende des Waldes beschäftigt, die hungrigen Mäuler von den jungen DSC00565.JPGBäumchen fernzuhalten. Der Schäfer verteilt derweil Zuckerrüben, das oben erwähnte Zufutter, auf der Wiese, was die Schafe dann auch vom Holz weglockt. Als die Rüben weggemampft sind, beginnt wieder das Scharren im Schnee. Noch immer sind die Pansen nicht voll. Wir Menschen gönnen uns nun auch eine Brotzeit. Die Stunden vergehen, ich beobachte das sich jetzt gemächlich drehende Windrad und als langsam die Sonne untergeht, fährt mir die Kälte durch die Ärmel unter mein Zeug. Abrupt wird es ungemütlich und die DSC00568.JPGSchafe, die seit Stunden schon ununterbrochen fressen,  beginnen immer noch nicht wiederzukäuen. Verflixt! Hätte ich doch nur ein paar Armstulpen dabei. Nächstes Mal ganz sicher, aber für jetzt begebe ich mich in mein kaltes Schicksal und nach einiger Zeit zum Aufwärmen ins Schäfermobil.

Der Mond steht schon hoch am Himmel, als der Nachtpferch gesteckt und die Herde eingesperrt ist. Wir überlassen die Schafe der Dunkelheit und fahren jetzt zum Stall, wo drei hochtragende Ziegen, die der Schäfer aus der Herde gefangen und in den Viehhänger gesperrt hat, ausgeladen werden. Die Stallarbeiten hat Schäfers Familie bereits erledigt.

IMG_2221.JPGFeierabend für alle! Nach einem wunderschönen Wintertag draußen freue ich mich jetzt auf Zuhause, den warmen Ofen, ein wärmendes Essen und das gemütliche Sofa.

 

Wie wenig komfortabel dagegen war das Schäferleben im letzten Jahrhundert noch. Ein einfacher Karren, gerade mal lang genug für ein Bett für einen nicht zu langen Menschen, mehr Wetterschutz als Behausung:

Dagegen ist ja selbst der alte Bauwagen, der im April für kurze Zeit mein Zuhause war, mit seinen Ausmaßen, der externen elektrischen Versorgung und dem Ofen eine wahre Luxusherberge.

 

 

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Weihnachten 2016

Niemals hat mich diese Zeile aus dem Lukas-Evangelium so berührt wie 2016:

Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nacht ihre Herde.

Den Besuchern dieses Blogs wünsche ich ein gesegnetes und friedliches Weihnachtsfest 2016. Möge der Geist der Weihnacht Euch über die Feiertage hinaus begleiten.

Und wenn ein jeder dazu beiträgt, wird der Menschheit stetiger Wunsch nach Frieden auf Erden Erfüllung finden.

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Wissensdurst

Mein Wissensdurst hat mich ein weiteres Mal in die Landwirtschaftlichen Lehranstalten nach Triesdorf geführt. Das Thema, zu dem sich Anfang Dezember neben mir 26 Hobby-Schafhalter eingefunden haben, lautet „Ablammung und Lämmeraufzucht“. Eine Tierärztin der Oberschleißheimer Klinik für Wiederkäuer referiert, beginnend bei Deckzeit und Fütterung über mögliche Probleme in der Trächtigkeit und wie man diesen sinnvoll begegnet bis hin zur eigentlichen Geburt, eventuellen Störungen und Handgriffen zur Geburtshilfe. Hinweise zur Versorgung des Neugeborenen und seiner Fütterung durch Mutterschaf oder Flaschenaufzucht schließen den theoretischen Teil gegen Mittag ab.

Im Schafstall üben wir am Nachmittag die Geburtshilfe an Modellen, die Geburtswege und Gebärmutter von Mutterschafen nachbilden. Ich kann nicht sehen, wo meine Hand durch die Öffnung hinfasst. Zu spüren ist etwas Hartes, das sich später als Beckenknochen herausstellen wird, und das feuchte Fell eines Lamms. Aber was vom Lamm befühle ich gerade? Ist das ein Vorder- oder ein Hinterbein? An der Beugung der Gelenke lässt sich identifizieren, was es ist. Beim Vorderbein beugen Fessel- und Vorderfußwurzelgelenk in die selbe Richtung, während am Hinterbein die Gelenke ungleich beugen. Tatsächlich ist das Ertasten der Lage des Lammes praktisch nicht so einfach, wie es sich am Vormittag in der Theorie anhörte. Das Ungeborene dann noch in der Gebärmutter in die richtige Lage zu drehen – alles nur nach Gefühl – und es aus dem Schaf herauszubringen, braucht mehr Übung als dieser Nachmittag vermitteln kann. Nach diesem einen Tag würde ich mir nicht zutrauen, so mal eben in ein Schaf zu greifen, um bei der Geburt zu helfen. Andererseits – wie die Schäferin mir schon sagte – man kann nicht lange überlegen, wenn es um Leben oder Tod geht.

 

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November

Die warmen Tage sind vorbei, der Herbst raubt den Bäumen das Laub. Wind und Regen gehören jetzt fast zum täglichen Einerlei. Die kurzen Tage sind für den Schäfer eine ziemliche Herausforderung, denn es bleibt weniger Zeit zum Hüten und die Tiere sollen nicht hungrig bleiben, wenn sie am Spätnachmittag bei Einbruch der Dunkelheit in den Pferch gesperrt werden.

Mein Tag beginnt an diesem herbstlichen Sonnabend mit dem Abbauen der Netze. Es regnet meist so sachte vor sich hin. Das Regencape erweist sich bei dieser Arbeit als ein wenig hinderlich, ist aber von Nöten. Ich denke kurz an meine Kollegen, die heute im Büro Überstunden machen. Sie sitzen warm und trocken, aber tauschen? Nein, tauschen will ich nicht. Und kalt ist mir auch nicht. Das bisschen Regen ist auch nicht dramatisch, so lange kein kalter Wind dazu kommt.


Als es Zeit ist mit der Herde zur nächsten Weide zu ziehen, hat es aufgehört zu regnen. Mehr als fünf Kilometer liegen vor uns. Die Strecke verläuft zu einem großen Teil über Straßen. Voran der Schäfer mit Hund, hinter den Schafen sein Sohn und ich als Treiber  und hinter uns seine Frau, die das Auto mit dem Viehanhänger fährt. Den Verkehr legen wir an diesem Vormittag lahm, aber wie immer zur Freude der meisten Autofahrer, für die so eine Begegnung mit den vielen Schafen eine tolle Sensation ist. Drei Brücken sind zu überqueren, wir bewältigen sie ohne Vorkommnisse, bevor wir am alten Flughafen die Straße verlassen und schon bald unser Ziel erreichen.

Die Wiese hat noch einiges an Gras, und die Schafe beginnen sofort mit der Mahlzeit. Schäfer und Helfer verabschieden sich von mir. Die nächsten zwei Stunden bin ich allein für die Mähdels und ihre Galane, die sich seit heute zur Herde gesellen, verantwortlich. Nero, der große Hütehund mit dem niedlichen Bärchengesicht wird mich unterstützen und die rückwärtige Seite, die an einen Acker mit zart sprießendem Wintergetreide grenzt, wehren. Hier auf der freien Fläche geht der Wind, es wird kalt, nicht lausig kalt, aber angenehm ist es nicht. Habe ich den ganzen Tag noch nicht gefroren, bekomme ich jetzt beim Hüten kalte Füße.

Bewegung wär gut, aber viel Hin- und Herlaufen irritiert die Schafe und lenkt sie vom ruhigen Fressen ab, also suche ich Schutz auf der Lee-Seite des Viehhängers. Der Wind ist nicht das schlimmste, die kalten Füße sind doof und die Tatsache, dass ich mal in die Hecke müßte, aber die Herde nicht aus den Augen und mit dem Hund allein lassen möchte. Ich versuche mich abzulenken, konzentriere mich auf die Tiere, die gemütlich vor sich hin fressen und auch überhaupt kein Interesse am Getreide zeigen. Ein schönes Bild, trotz der Jahreszeit mit dem tristen Wetter. Die Situation lässt mich alles andere vergessen. Die Schafe, der Hund und ich sind gerade außerhalb des normalen Wahnsinns dieser Welt. So lange, bis die Schäferin zurückkommt mit heißem Kaffee und einer Brotzeit im Gepäck. Ein paar Minuten im Schäfermobil genieße ich ein Käsebrot, den Kaffee und die Wärme des Autos. Danach beginnen wir die Netze für den Nachtpferch zu stecken, brechen aber zwischendrin ab, um mit den Schafen auf die benachbarte Fläche zu ziehen. Bevor wir los können, versorgen wir ein frisch geborenes Lamm und seine Mutter.

In dieser Gegend zwischen dem ehemaligen Gelände einer Bundesgartenschau und einem Wohngebiet sind um diese Zeit viele Gassigeher unterwegs und als wir die Fläche wechseln, fährt tatsächlich so ein unangeleinter Hund in die Herde. Ich traue meinen Augen kaum und rufe zu den am Weg stehenden Leuten, sie mögen ihren Hund anleinen. Es passiert erstmal nichts, außer dass der Hund weiterhin Spaß hat, die Schafe zu jagen, während sein hilfloses Herrchen sich als unfähig erweist, diese Töle zurückzupfeifen. Erst als Frau Schäferin ihren Hund schickt, kneift der Fremde und sucht Schutz bei seinem Menschen. Dieser zieht sich aus dem Geschehen zurück und tut so als sei gar nichts los gewesen. Naja, die Herde ist erst einmal geteilt und in Aufregung. Wenigstens hat der Hund nicht gebissen, das ist schon mal das Gute am Schlechten. Keine fünf Minuten später ist aus den zwei Partien aber wieder eine Herde geworden und frisst mit vereinten Kräften die frische Wiese unter sich kurz.

An diesem Nachmittag lammen noch zwei weitere Schafe, und die Herde ist um drei Tiere größer. Zum Einbruch der frühen Dunkelheit wandern wir mit den Schafen zurück, stecken die Zäune zum Nachtpferch und sperren die Herde dort mit dem letzten Tageslicht ein. Nun geht es zum Stall, in dem die Mutterschafe mit den Lämmern untergebracht sind. In den letzten vier Wochen sind die Lämmer nur so gepurzelt. Kein Tag verging ohne eine Lammung. Für den Schäfer und seine Familie bedeuten die kurzen Tage bei der Herde nicht, dass sie früher nach Hause können, denn nun müssen die Tiere im Stall am Morgen und Abend noch versorgt werden.

Am nächsten Tag wandert die Herde weiter. Während der Nachtpferch abgebaut wird, machen sich die Mähdels bereit für die nächste Etappe und nehmen auf dem nächsten Stück Weide ein kleines Frühstück. Das Wetter ist heute freundlicher, der kalte Wind weht nicht mehr und so sind nicht nur wir auf den Beinen, sondern allerlei Volk, das sich zu einem Sonntagsausflug aus den Stuben begeben hat. Unser Weg geht am Riemer See vorbei Richtung Salmdorf und es ist auch heute klar, dass die Schafherde für die Spaziergänger die Attraktion der Woche ist. Kaum einer, der nicht ein Smartphone oder eine Kamera in der Hand hat, um das Ereignis Wanderschäferei festzuhalten. Es ist wie immer: Die Leute freuen sich für den unerwarteten Anblick.

DSC00509.JPGWir überqueren auf dem letzten Stück ein Stoppelfeld, wo vor kurzem noch Mais stand. Auf der Erde liegen vereinzelt Kolben, echte Leckerbissen, auf die sich die Schafe mit sichtlichem Appetit stürzen. Zu viel dürfen sie nicht davon zu sich nehmen, denn ihr Verdauungssystem, besonders der Pansen, ist empfindlich und muss langsam an neues Futter gewöhnt werden, um keine Krankheiten zu provozieren. Der Schäfer schickt am Ende seinen Hund, damit sich auch die letzten Zuckerschnuten wieder an die Herde anschließen.

Kurze Zeit später erreichen wir unser Ziel in Salmdorf. Auf etlichen Hektar wächst die Zwischenfrucht Phacelia. So weit das Auge reicht, Phacelia. Während wir die Koppeln für die kommenden Tage stecken, beginnen die Mähdels den ersten Acker kurz und klein zu fressen. Wenn das Wetter wie versprochen hält und es keinen Regen gibt, werden die Flächen für zwei Wochen Futter liefern.

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Herbsttag am Fröttmanninger Berg

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Seminar: Basiswissen für Schafhalter

Es ist schon was dran an dem Spruch „Tue, was Du liebst, und Du musst nie wieder arbeiten“, jedenfalls kann man diese Weisheit auch auf andere Notwendigkeiten als auf Arbeit anwenden: Schulungen z.B. oder sonstige Pflichtveranstaltungen. Sitze ich in Veranstaltungen, deren Besuch eine Pflicht ist und keine Freiwilligkeit beeinhaltet, egal ob Seminar, Abteilungsversammlung oder sonst einem Vortrag,  habe ich immer Probleme, konzentriert bei der Sache zu bleiben. Meistens werde ich hundemüde und muss mich bemühen, nicht einzuschlafen.

Zum Grundkurs Schafhaltung in der Triesdorfer Tierhaltungsschule waren 13 Teilnehmer zusammengekommen, um sich über die kleinen Wiederkäuer zu informieren. In einer kurzen Vorstellungsrunde hörte ich von allen, dass sie bereits in der glücklichen Lage sind, Flächen zur Beweidung zur Verfügung zu haben und das zehn der Teilnehmer bereits schon eine kleine Herde in Hobbyhaltung besitzen. Am ersten Tag wurde neben der allgemeinen Vorstellung der Landwirtschaftlichen Lehranstalten Triesdorf umfangreiches Basiswissen über Schafe vermittelt: Es ging um Schafprodukte, die weltweiten Produzenten, Wirtschaftlichkeit und Ablammung.

Danach folgte ein tierärztlicher Vortrag zur Gesundheitsvorsorge: Behandlungsmöglichkeiten bei Innen- und Außenparasiten durch Wurmkuren, Impfungen und Waschen, Trächtigkeit und Geburt, Klauengesundheit usw., unterbrochen von der Mittagspause. Am Nachmittag wechselten wir vom Klassenzimmer zum Triesdorfer Schafbetrieb. Im Stroh- und Heustadel informierte uns die Schäfermeisterin Frau Smietana über Fütterung beim Weidegang und geeignetes Futter für die Zeit, in der die Schafe im Stall sind. Im Hauptstall, wo zurzeit Mutterschafe mit ihren Lämmern die ersten vier Lebenswochen der Jungen verbringen, hörten wir von Stalltechnik, Einstreu und Ausmisten. Überflüssig zu erwähnen, dass Ställe und Anlage in einem vorbildlichen Zustand waren. Die Herde selbst wurde draußen gehütet und war daher nicht zu besichtigen.

Wir wechselten das Gebäude, und im Trakt mit den Boxen, in denen sich die frisch abgelammten Mutterschafe mit ihren Kleinen befanden, erfuhren wir von  Kenn- und Aufzeichnungspflichten, von denen auch Hobbyhalter nicht verschont werden, und was man als Schafhalter an notwendigen Gerätschaften und Materialien braucht. Die Zeit verging wie im Flug und schneller als sonst war der Tag vorbei.

Am Vormittag des zweiten Tages befassten wir uns weiter mit der rechtlichen Situation eines Schafhalters. Tatsächlich ist es so, dass auch der Hobbyhalter eine Betriebsnummer benötigt, um seine Tiere ordnungsgemäß anzumelden und mit doppelten Ohrmarken die Registrierung öffentlich kundzutun. Der Referent, ein Berater vom AELF (Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten) gab sich alle Mühe, die Regeln und Gesetze zur schriftlichen Bestandsführung und Dokumentation eindeutig an seine Hörerschaft zu bringen. Seine besonders laute Stimme vermittelte den Eindruck einer gewissen Hilflosigkeit und dem Wunsch, Diskussionen des Unabänderlichen zu vermeiden.

Auch sein Vortrag nach der Mittagspause zu den verschiedenen Schafrassen und ihren Merkmalen wurde wiederholt mit dem Hinweis, das sei auch alles im Internet zu finden, umrahmt. Dieser Unterrichtstag ging leider längst nicht so flott und interessant voran wie der erste.

Am Nachmittag folgte eine weitere Praxiseinheit im bzw. am Schafstall. Zunächst erläuterte Frau Smietana die verschiedenen Möglichkeiten des Zaunbaus: Feste und mobile Zäune, der Auf- und Abbau von Elektronetzen sowie die Handhabung von Weidezaungerät und Batterie. Anschließend ging es um die Klauen, wie die Füße der Schafe korrekt genannt werden. Je nach Bodenbeschaffenheit und Rasse ist die Pflege bzw. das Schneiden der Klauen, ein oder zwei Mal jährlich, evtl. aber auch häufiger nötig. Dunkle Klauen sind nicht so pflegeintensiv und wenn die Tiere nicht nur auf weichem Boden stehen und laufen, nutzt sich das Horn auch in großen Teilen von selbst ab. Ein Pflegeschnitt ist aber trotzdem unverzichtbar.

Zur praktischen Übung stand ein großer Eimer mit tiefgefrorenen Schafsbeinen bereit. Mit Messer, Schere und ein bisschen Überwindung machten wir uns ans Werk. Ganz so einfach wie es bei der Demonstration durch Schäfermeisterin aussah, war das Ausschneiden der Klauen auch nicht – und dabei handelte es sich um totes Material, das nicht herumzappelte! Am Ende hatte ich meine beiden Versuche einigermaßen ordentlich abgeschlossen, fühlte mich aber nicht sicher bei dem Gedanken, diese Prozedur am lebendem Schaf zu absolvieren. Man muss sicher etliche Tiere versorgen, um Routine und Sicherheit zu bekommen und korrekt zu schneiden, dass die Schafe keinen Schaden davontragen. Die Schäferin zeigte den Pflegeschnitt auch noch am lebenden Tier, das dazu erst einmal gefangen und auf sein Hinterteil gesetzt werden musste, und wer wollte, konnte es selbst versuchen.

Die Alternative zum Klauenpflegestand

Die Alternative zum Klauenpflegestand

Eine einzige Teilnehmerin hatte sich getraut, aber mittlerweile waren wir schon außerhalb der geplanten Zeit, es war kalt, die meisten wollten wohl auch schnell nach Hause. Eigentlich schade, wie ich finde – hier hätte ich gern noch mehr Zeit gehabt, um das Gelernte zu vertiefen.

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